Bevor Sie anfangen zu lesen, möchte ich darauf aufmerksam machen, dass wir diese Reise vor nunmehr fast 14 Jahren unternommen haben. Mittlerweile dürfte kaum noch ein Containerschiff dieser Bauart auf dieser Route unterwegs sein. Ich muss zugeben, auf den neuen Schiffen würde ich keine Reise mehr machen wollen, die Sicht nach hinten versperrt mit Containern, gibt einem sicherlich das Gefühl von eingesperrt sein.

Mit dem Containerschiff von Hamburg nach Auckland via Suezkanal
Januar - März 1996

Teil 1  Hamburg - Rotterdam

Die Abreise

Im Sommer 1995 haben wir uns aus verschiedenen Gründen dazu entschlossen, unser
Haus in Mensfelden bei Limburg zu verkaufen, unser ganzes Hab und Gut in einem Container bei einer Spedition einzulagern und eine Reise nach Neuseeland zu machen. Auf einem Containerschiff.

Ende 1995 sind wir mit den wichtigsten Klamotten und persönlichen Unterlagen zu Freunden gezogen, haben uns dort angemeldet und ihnen eine Vollmacht für die Bank erteilt. Da wir noch einen Freiflug gut hatten, sind wir über Weihnachten und Neujahr nach Palau (Inselstaat in der Nähe der Philippinen) geflogen und anfang 1996 ging es dann endlich los.

Wir hatten alle nötigen Impfungen über uns ergehen lassen und einigermaßen gut überstanden, alle erforderlichen Visa in der Tasche, für die Fahrt durch den Suez-Kanal benötigt man z. B. ein Visum für Ägypten, und Kleidung für die in Deutschland und auf dem Schiff bis mindestens zum Mittelmeer herrschende Kälte und für die auf uns wartende Wärme gepackt. In Hamburg angekommen haben wir uns noch mit den wichtigsten Medikamenten, Superpep-Kaugummis gegen Reisekrankheit (kann ich nur jedem empfehlen, fängt man erst dann an zu kauen, wenn es einem übel wird und man wird nicht müde davon) schienen mir am wichtigsten, davor hatte ich die meiste Angst, und einem riesigen Berg Büchern versorgt.

Noch zwei Übernachtungen im Hotel und dann kam der Anruf der Reederei, das Schiff war schon auf der Elbe und wir konnten nachmittags an Bord.

22. Januar 1996   - 2,5 Grad

Mit dem Taxi ging’s zum Eurokai. Da stand ich nun mit all unserem Gepäck, während Wolfgang das Anlegemanöver der Contship Jork – unser Zuhause für die nächsten sechs Wochen – filmte. Es war bitterkalt und dicke Eisschichten hatten sich auf dem Schiff gebildet.

An Bord wurde uns von einem Angestellten der Reederei unsere Kabine gezeigt, ein kleines Wohnzimmer mit ausziehbarer Couch, zwei Sesseln und einem Tisch, ein Schreibtisch mit Stuhl, ein kleines Wandregal und einem Schrank mit eingebauten Kühlschrank, eine Schlafkammer mit recht schmalem Doppelbett und einem Kleiderschrank und eine Duschkabine inkl Toilette war nun unser Reich.

Unsere Mahlzeiten sollten wir zukünftig in der Offiziersmesse zusammen mit dem Kapitän, dem 1. und 2. Offizier und dem 1. und 2. Ingenieur einnehmen und ausserdem stand ein als eine Art Bar gemütlich eingerichteter Aufenthaltsraum für alle Passagiere und Besatzungsmitglieder zur Verfügung. Etwas weiter unten, schon im Bauch des Schiffes, neben der "Kommandozentrale" der Ingenieure, gab es einen Indoor-Swimmingpool, der, jetzt noch leer, wenn in wärmeren Gewäsern angekommen, mit Meerwasser gefüllt werden sollte, eine Sauna, einen Fitness-Raum mit Tischtennisplatte und den Waschmaschinenraum, der donnerstags den Passagieren zur Verfügung stand.

Unsere Pässe und Impfausweise mussten wir abgeben, die wurden im Safe des Kapitäns aufbewahrt, denn er musste sie in jedem Hafen den Hafenmeistern vorlegen (für Landgänge bekamen wir in jedem Hafen eine Art Passierschein ausgestellt).

Da es im Hafen für die ganze Besatzung viel Arbeit gibt wurden wir auf nette, diplomatische Art gebeten, niemandem auf die Nerven zu gehen und uns zu gedulden, bis alle Zeit hatten, sich vorzustellen und uns zu begrüssen.

Der nette alte Herr, der uns bis jetzt alles gezeigt hatte und unser einziger Ansprechpartner war, ging dann wieder von Bord und wir waren auf uns allein gestellt. Es war wirklich sehr viel Betrieb an Bord und es war alles sehr fremd für uns. Auslaufen sollten wir erst am nächsten Tag, wie wir nun den ersten Abend und die erste Nacht an Bord verbrachten, daran kann ich mich nicht mehr erinnern, es war auf jeden Fall alles irre aufregend. Und am nächsten Morgen fing das ganze Schiff plötzlich an zu dröhnen und zu rappeln und wir stürzten dick vermummt   nach draussen unf eine Plattform einen Stock tiefer um das Ablegemanöver zu beobachten. Ja und um ein Haar wäre hier unsere Reise beinahe auch schon wieder zu ende gewesen. Es gab wohl ein Missverständnis zwischen Kapitän und Schlepper und nur der blitzschnellen Reaktion des 2. Ingenieurs ist es zu verdanken, dass wir nicht gegen die gegenüberliegende Kaimauer gekracht sind sondern wirklich haarscharf dran vorbei zogen.

Und als wir dann langsam die Elbe runter gefahren sind wurde mir ganz mulmig. Worauf hatte ich mich da eingelassen? Was lag vor uns? Wie würde mein Sohn alleine zurecht kommen, war er doch gerade erst 18 und in seiner "Null-Bock-Phase" ? Aber diese Gedanken wurden doch recht schnell von einer euphorischen Stimmung abgelöst.

NEUSEELAND WIR KOMMEN !!!! Aber vorher verbringen wir sechs Wochen auf einem Containerschiff und schippern von Hamburg über Rotterdam, La Spezia, Port Said, durch den Suez Kanal, vorbei am Horn von Afrika, dann drei Wochen über den Indischen Ozean nach Melbourne. Von da weiter über Sydney nach Auckland.

Aber der Reihe nach.

Die Besatzung

Bis Rotterdam gab es dann genug Zeit und wir lernten die Besatzung kennen, nein sie wurde uns nicht offiziell vorgestellt, das kam so nach und nach beim Essen oder auf der Brücke. Der Kapitän, Joachim, war noch sehr jung und es war seine erste grosse Reise als Kapitän;   Bodo, der 1. Offizier, ein sehr stiller Mensch mit dem man stundenlang über Gott und die Welt reden konnte; der 2. Offizier, Christian, so um die 30 Jahre alt, war derjenige, mit dem ich am meisten Spass hatte. Wenn wir zusammen waren, waren wir nur am rumalbern. Der 1. Ingenieur, Hans,  konnte aber tolle Geschichten von der Seefahrt erzählen. Natürlich vorwiegend von den Landgängen. Der 2. Ingenieur, Günni, ein riesiger Tanzbär, hatte nahezu immer gute Laune, nebenbei den ganzen Maschinenraum und dessen Besatzung im Griff und konnte, wenn mal die Laune an Bord nicht so gut war, alle wieder aufheitern. Lars, 20, Azubi in der Maschine. Ihn hab ich auch kaum gesehn, alerdings war er mit Wolfgang oft am Computer zusammen. Soweit zum deutschen Teil der Besatzung. Den einen Maschinisten aus Osteuropa habe ich während der ganzen Reise nur ein mal gesehen, bei der Grillparty. Er hatte grosse Probleme mit seinem Magen und lebte nur von Schokolade, Tee und Keksen. Wenn er nicht tief unten in der Maschine war, hielt er sich auf seiner Kammer auf. Die restlichen 11 waren Philippinos, die ich alle bald ins Herz geschlossen hatte, weil sie einfach sehr fröhliche Menschen waren und ich keine Sekunde das Gefühl hatte, dass sie mir als Frau zu nahe kamen.

Die Wache auf der Brücke war im 4-Stunden-Rhythmus aufgeteilt. Von 0 bis 4 Uhr und von 12 – 16 Uhr, 2. Offizier, Christian. Das hatte zur Folge, dass wir ihn abends, in der Bar, kaum zu sehen bekamen. Von 4 bis 8 Uhr und 16 bis 20 Uhr war Bodo, der 1. Offizier, dran. Wie er das nach unseren nächtlichen, oft feuchtfröhlichen, Gesprächen fertigbrachte, um 4 Uhr vollkommen fit auf die Brücke zu gehen, ist mir bis heute ein Rätsel. Von 8 bis 12 Uhr und 20 bis 24 Uhr war der 3. Offizier, ein Philippino, zuständig. Ihn traf man höchstens mal nachts nach 12 kurz in der Bar. Der rest der Mannschaft hatte, bis auf die Liegezeit in den Häfen, einen ganz geregelten Arbeitstag von ich denke mal 7 Uhr morgens (so früh war ich nie auf) bis abends um 17 Uhr. Einer aus der Maschine hatte immer Nacht-Notdienst und wenn dann mal die Maschine mittels einer irren lauten Hupe Alarm gab, hörte man ein wildes Poltern im Treppenhaus. Auf See waren die Philippinos mit Malerarbeiten beschäftigt , d.h. man sah sie immer irgendwo rumpinseln. Samstags war Grossreinemachen der Philippino-Qartiere. Da konnte man sie, bei lauter Musik, mit Eimer und Wischlappen durch ihre Gänge tanzen sehen.

Der Koch hatte leider die europäische Küche nicht so im Griff und ausserdem hatte er in Hamburg, bei seinem Dienstantritt, irgendwie einiges mit dem Haltbarkeitsdatum einiger waren durcheinander gebracht und viel weggeschmissen, was nicht hätte weggeschmissen werden sollen. Das haben wir leider erst im Indischen Ozean bemerkt.

Einen Stewart gab es auch, der täglich die Kabinen der Offiziere sauber machte, unsere einmal die Woche die gesamte Bordwäsche wusch (Tisch- und Bettwäsche, Handtücher etc. der Rest wurde von jedem selbst gewaschen) und für den Service in der Offiziersmesse zuständig war.

Die Mitpassagiere

In Hamburg war mit uns das Ehepaar M. an Bord gegangen. Sie waren Aktionäre der Reederei und hatten Anspruch auf die Eigner-Kabine, die so komfortabel wie die des Kapitäns eingerichtet und ausgestattet war. Beide machten schon beim Borden einen merkwürdigen Eindruck, sehr etepetete und angezogen, als wollten sie eine Luxuskreuzfahrt auf einem Passagierdampfer machen. Sie waren von anfang an sehr unbeliebt bei allen und zum Glück nur selten zu sehen.

Und Mary. Unser aller Sonnenschein. Mary, mitte 80, Britin. Sie kam in Rotterdam an Bord, nachdem sie das Schiff in England zum ersten Mal verpasst hatte, nahm sie kurzerhand ein Flieger nach Hamburg und verpasste uns auch dort ganz knapp. Also bestieg sie einen Zug und fuhr nach Rotterdam und konnte endlich an Bord gehen. Allein diese Aktion war schon bemerkenswert in ihrem Alter und mit dem ganzen Gepäck. Aber sie sollte uns während der ganzen Fahrt bis nach Melbourne, dort wurde sie von ihrer Tochter, die in Perth lebt, abgeholt, noch mit ihrer Kondition, Liebenswürdigkeit und ihrem fröhlichen Wesen erfreuen.

Der "normale" Alltag

Lange schlafen war morgens einfach angesagt. Was bedeutet, dass ich während der ganzen Zeit höchstens dreimal beim Frühstück erschienen bin und das muss dann ein besonderer Anlass gewesen sein, wie etwa, dass es was ganz besonderes draussen zu sehen gab. Wolfgang hat schon nach kurzer Zeit unser Doppelbett mit der Ausziehcouch im Wohnzimmer getauscht, das Bett war einfach zu schmal, beim geringsten Geschaukel fiel der Vorne liegende aus dem Bett oder der an der Wand wurde "überrollt". Und bei all dem sein Geschnarche noch aushalten, war mir dann auch zu viel. Also machte ich mich vormittags gegen 10 halb elf fertig, schlich an ihm vorbei und ging zur Offiziersmesse. Da der Kühlschrank in der kleinen Küche jedem zur jeder Zeit zur Verfügung stand und es immer frischen Kaffee gab, machte ich mir einen Toast und frühstückte ganz alleine. Und dann ging ich nach draussen und schaute mich um, wo wir waren und was zu sehen gab. Bei schlechtem Wetter verkrümelte ich mich in den Aufenthaltsraum um zu lesen oder ging hinauf zur Brücke und vergnügte mich dort. Bei Sonnenschein packte ich meine Sachen und ging ganz nach vorne. Dort gab es Liegestühle und es war herrlich ruhig und einsam. Ein paar mal war ich auch ganz oben über der Brücke, praktisch auf dem Dach des Aufbaus, aber dort war es dann doch meistens zu heiss. Da mein Mann seinen eigenen Tagesablauf hatte, den Ingenieuren viel mit dem Computer half und sich auch sonst meistens anders beschäftigte, schreib ich einfach mal nur in der Ich-Fiorm. Natürlich lagen wir auch oft Liegestuhl an Liegestuhl gemeinsam in der Sonne.

Gegen 15 Uhr traf sich wer wollte in der Messe zu Kaffee, Kuchen und Plaudern. Um 17 Uhr war ab Suezkanal Sundowner auf unserem Sonnendeck angesagt. Diese Zeit gehörte zu den schönsten des Tages. Wenn die Sonne dann am Horizont untergegangen war und ganz zum Schluss das kleine grüne Männchen kurz gewunken hatte (bei einem Sonnenuntergang auf See hat man wirklich das Gefühl, dass ganz kurz bevor die Sonne entgültig am Horizont verschwunden ist, nochmal ein kleines grünes etwas aufblitzt). Danach gab’s Abendessen.

Hier kurz ein Kommentar zum Essen. Es war nicht besonders. Der Koch hatte die Gabe aus fast allem einen asiatischen, schlecht gewürzten Eintopf zu machen, nur Samstags abends, wenn es, weil er frei hatte, eine Art kaltes Buffet gab, war es richtig lecker. Na ja und die erste Zeit, als noch alles im Lager vorrätig war und Bodo sonntags mittags das Kochen übernahm, kamen sogar wir beide zum Mittagessen. Nach ca. 3 Wochen gab es kein frisches Obst und keine frischen Milchprodukte (ich hatte anfangs die Wegwerfwut des Kochs erwähnt) und kurz vor Melbourne auch kein Tropfen Dosenmilch für den Kaffee mehr. Die Philippinos lieben Dosenmilch, sie trinken sie wie andere Leute normale Miclh, und hatten den ganzen Vorrat vertilgt. Aber dennoch habe ich zugenommen auf der Reise und hatte nie wirklich Hunger. Und ausserdem hatten wir genug zollfreien Alkohol an Bord und Bier ist ja auch recht nahrhaft...Ach ja, apropos Alkohol. An Bord war ein Store. Der wurde von Christian verwaltet und jeden Dienstag bzw. NACH jedem Hafenstop konnte man dort alles was man so braucht, wie Bier, "Rest-Alkohol", Zigaretten, Süssigkeiten, Knabbergebäck, aber auch Zahnpasta, Creme, Briefpapier und und und, kaufen. In der Bar lag eine Liste aus, auf der jeder, seine Getränke aufschrieb und die wurden einmal in der Woche abgerechnet. So viel zur Verpflegung.

Abends traf man sich dann in der Bar. Die Philippinos hatten Gitarren dabei und sangen sehr viel. Es wurde getanzt und rumgealbert, es war wirklich jeden abend gute Stimmung. Manchmal haben Marie und ich uns mit einem Video in die Messe verzogen und Kino gemacht. Nachts war der schönste Platz auf der Brücke. Der Sternenhimmel über dem IndischenOzean war grandios und man konnte sich nicht sattsehen. Anhand der Sternschnuppen, die ich gesehen habe, müsste ich eigentlich bis zum Ende meiner Tage alle nur erdenklichen Wünsche erfüllt bekommen. Ich befürchte allerdings, dass der Aberglaube, sich beim Erblicken einer Sternschnuppe was zu wünschen, eher ein Märchen ist.

An Bord ist ungeschriebenes Gesetz, wenn meine Kammertür zu ist, dann will ich niemanden sehen und hören, nur meine Ruhe haben und angeklopft wird dann auch nicht (ausser im Notfall natürlich) und wenn sie offen steht, ist jeder willkommen. Keine Frage, dass die Türen meistens offen standen und man sich gegenseitig oft und gerne besuchte. (Dies galt nur für Passagiere und deutsche Besatzjngsmitglieder. Die Philippinos wohnten auf einem anderen Stockwerk und dort hatten wir nichts zu suchen).

Das alles klingt, wenn man es so liest irgendwie langweilig. Aber ich schwöre, ich hab mich keine Minute gelangweilt. Nach drei Wochen auf See, hab ich sogar stundenlang auf der Brücke oderauf einem Deck gestanden, auf’s weite Meer geschaut (ab dem Horn von Afrika bis kurz vor Australien war drei Wochen lang nichts anderes als Meer zu sehen, manchmal ein Schiff, was uns entgegen kam) und nach Walen Ausschau gehalten. Oder den fliegenden Fischen zugeschaut. Es überkommt einen einfach eine ungeheure Ruhe, kein Fernsehen, kein Telefon, keine Post, somit auch keine Rechnungen, keine Zeitung, kein Radio kein gar nichts. Ich hatte mir vorgenommen, an einige Freunde und Verwandte lange Briefe zu schreiben, aber das war alles so weit weg von mir, ich hab keinen einzigen geschrieben.

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