Mit dem Containerschiff von Hamburg nach Auckland via Suezkanal
Januar - März 1996
Teil 2 Rotterdam - Horn von Afrika
(Ab jetzt dient mir das "Logbuch" von Wolfgang als Gedankenstütze. )
25. Januar 1996 - 3 Grad
Morgens um 8 Uhr haben wir Rotterdam’s riesigen Hafen wieder verlassen, was wir allerdings beide verschlafen haben. Es ist recht kalt in der Kabine und Hans stellt kurzerhand die Innentemperatur auf 25 Grad. So lässt es sich aushalten.
Für unsere Verhältnisse recht heftiger Seegang, wir sind ganz stolz, dass uns nicht übel wird....später haben wir über diese kleinen Wellchen nur noch gelacht.
Am nächsten Tag fahren wir in die Biskaya ein und die Temperatur ist schon auf 7 Grad gestiegen. Der Wind kommt mit 28 Knoten von nordost und das Schiff rollt unangenehm. Kann es im Bett nicht aushalten, Bodo und Wolfgang führen ernste Gespräche im "Wohnzimmer" und lachen mich aus. Ich klettere im Nachthemd hoch zu Christian auf die Brücke. Draussen gewitterts um uns rum und mir ist mulmig. Und dann passiert was, was mir bis heute keiner glaubt. Aus einem Kasten auf der Brücke schlägt ein Blitz. Ich mache Christian darauf aufmerksam, aber er lacht nur und meint, dass könne nicht sein. Ich schwöre..ich hab den Blitz gesehen. Bin sehr aufgeregt und renne zu den beiden Herren in unserer Kabine, aber auch die haben nur ein "ach du armes Häschen" Lächeln für mich. Und zwei Tage später ging es dann nachts richtig zur Sache. Das Schiff rollte und stampfte wie verrückt Mir war speiübel. Ich lag in der Koje und betete zu Gott, dass es bald aufhören sollte. Heute weiss ich, dass das keine Seekrankheit war, sondern einfach nur pure Angst.
Unsere etepete Mitpassagierin muss wohl in der Nacht auch sehr gelitten haben und deutete an, dass sie das Schiff in La Spezia verlassen wolle. Alle jubelten innerlich.
Obwohl es immer noch ganz schön wackelt, feiern wir abends den Geburtstag eines Matrosen. Nach den ersten Bierchen war auch meine Angst verflogen und ich sang aus voller Kehle zusammen mit zwei Philippinos alte Schlager. Sie hatten mehrere Textbücher, die wir im Laufe der Reise sicherlich alle hundertmal durchgesungen haben.
Am 29. Januar passieren wir dann Formentera, die See ist wieder ganz ruhig und wir können zum ersten Mal bei 23 Grad die Liegestühle benutzen. Das Leben ist wunderbar und abends schenkt uns der Himmel unseren ersten Sonnenuntergang.
Am nächsten Abend erreichen wir La Spezia. Christian hat genug Zeit, uns zum Abendessen in eine kleine Hafenkneipe zu führen, in der wir für wenig Geld irre gut gegessen haben. Am nächsten Tag erkunden wir La Spezia. Ist ja unser letzter Landgang vor Melbourne. Ab morgen sind wir 25 Tage nur auf See.
Leider ist unser Ehepaar doch nicht von Bord gegangen.
Am 2. Februar fahren wir morgens um 11 durch die Strasse von Messina (zwischen Italians Festland und Sizilien, also genau zwischen der Stiefelspitze und dem "Ball" durch). Links und rechts war das Land greifbar nah. Leider konnten wir wegen eines leichten Nieselregens nicht viel erkennen.
4. Februar, 19:30 Uhr, 10° C.
Es ist schon finster und wir sind in Port Said angekommen und ankern in der Liegeposition im Hafen. Dort müssen wir warten bis alle Schiffe, die zu einem Konvoi zusammengestellt werden, angekommen sind bzw. bis die Fahrrinne für uns frei ist. Hier herrschen arabische Sitten. Z.B. wird der Suez-Kanal auf Marlboro-Kanal genannt, denn hier geht nichts, ohne eine Stange Marlboro mit der so ungefähr jeder bestochen werden muss. Tut man es nicht, kann es z.B. vorkommen, dass die Leinenleute die teuren Leinen ansäbeln. Auch wurden wir angehalten, unsere Kabinen fest zu verschliessen. Alles was an Bord in den Gängen nicht niet- und nagelfest ist, wie z.B. Rettungsringe und Notfall-Hämmerchen, wurden abgenommen und unter Verschluss gebracht. Innerhalb weniger Minuten "entern" fliegende Händler das Schiff und haben das untere Deck in einen Bazar verwandelt . Man hat mir zwar gesagt, ich solle mich fern halten, aber meine Neugier ist grösser als der Gehorsam und ich schlendere an den angeboten Waren vorbei. Neben den typischen Andenken wie Papyrosmalerein, Kugelschreiber und Briefpapier mit ägyptischen Motiven, gibt es auch Damenunterwäsche, Nachthemden, Toilettenartikel, Videos und Musikkassetten. Eben fast alles was man auf einem arabischen Bazar so vermutet, ausser Lebensmittel natürlich. Und die Philippinos kaufen kräftig ein, nicht ohne vorher tüchtig zu feilschen. Ich erstehe zwei kitschige T-Shirts und einen schwarzen billigen Kaftan mit vergoldeten Ornamenten. (Ich hab ihn einmal abends in der Bar angezogen, was für heftiges Gelächter sorgte...jetzt wartet er darauf, wenigstens mal zu Fasching aus dem Schrank geholt zu werden). Zu einem der Händler war ich wohl zu freundlich, er verfolgte mich später durchs ganze Schiff und ich musste von Christian "gerettet" werden.
Durch unser Fenster beobachte mit dem Fernglas ich bis spät in die Nacht, was so auf den anderen Schiffen und am Hafen vor sich ging. Der ganze Hafen war ein faszinierenden Lichtermeer. Morgens um 6:30 Uhr geht es dann los. Wir fahren in den Suez-Kanal ein, ein Schiff nach dem anderen und werden nach einigen Kilometern in die Warteschleife gelotst. Das ist ein Seitenarm des Kanals wo wir so lange ankern müssen, bis der entgegenkommende Konvoi an uns vorbei gefahren ist.
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Mary und ich machen es uns auf dem obersten Deck bei einem Campari-Orange bequem und beobachten diie vorbeifahrenden Schiffe. Es sieht so aus, als würden die riesigen Pötte durch die Wüste fahren, denn vom Wasser des Kanals sieht man nichts. Um 15:30 Uhr geht’s wieder weiter und wir fahren ganz langsam durch den Rest des Kanals. Ich hielt mich am Bug auf. Es war unheimlich ruhig, rechts und links Wüste, manchmal kleine Ortschaften oder luxuriöse HotelanlagenUm 20:00 Uhr gingen dann endlich alle ägyptischen Leinenleute und Lotsen von Bord und wir konnten die Kammern wieder aufschließen und auch die Bar wieder in Betrieb nehmen. Das normale Bordleben hatte uns wieder. Von nun an wird auch an Bord die Zeit alle paar Tage um eine Stunde nach vorn gestellt, daher kamen wir auch ohne jegliches Jetlag in Auckland an.
Wir schippern noch drei Tage bei ca. 23° C , aber heftigem Wind durch das Rote Meer und passieren am 10. morgens das Horn von Afrika.
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