Mit dem Containerschiff von Hamburg nach Auckland via Suezkanal
Januar - März 1996
 
Teil 4 - Melbourne - Auckland

Melbourne SkylineDie Stadt liegt in der Abenddämmerung und wir fahren ganz langsam in den Hafen ein. Es kommt mir alles ungeheuer eng vor. Wenn man fast drei Wochen nur das weite Meer um sich herum gesehen hat, dann hat sich das Auge an die Weite gewöhnt und eine Kaimauer kommt einem plötzlich gefährlich nah vor. Und es stinkt. Nee, sicherlich nicht wirklich, aber die frische Seeluft ist das nicht mehr. Es riecht einfach heftigst nach "Zivilisation". Da wir bis 20 Uhr am nächsten Abend im Hafen seinw erden, planen wir für den nächsten Tag unseren Landgang.

Abends haben die Philippinos Gäste in die Bar geladen. Eine ganze Gruppe Mädels. Alles "Cousinen". Wir machen derweil eine kleine Party in unserer Kabine, aber so gegen 23 Uhr halten wir es vor Neugierde nicht mehr aus. Wir klopfen an der Bartür an und werden freudig begrüsst und eingeladen, mitzufeiern. Und zu was tanzen alle? "Aloha Heja He" natürlich. Da sitz ich nun an der Bar und MEINE Jungs vergnügen sich mit fremden Mädels. Witziges Gefühl, fast schon ein wenig Eifersucht dabei. Räusper

Natürlich ist es strengstens verboten, Mädels mit auf die Kammer zu nehmen. Um 1 Uhr müsssen sie das Schiff alle verlassen. Hab aber trotzdem morgens eine an Land schleichen sehen!!!

Nachdem wir uns von Mary verabschiedet haben, die hier von ihrer Tochter abgeholt wurde, bestellen wir uns am nächsten Morgen ein Taxi und fahren in die Stadt. Die ersten Schritte an Land verursachen mir eine leichte Übelkeit. Eben nicht seekrank sondern landkrank. Wir haben das Gefühl, dass der Fahrer alle Geschwindigkeitsbegrenzungen überschreitet, die Häuser fegen in einer irren Geschwindigkeit an uns vorbei. Aber das war auch eine Sinnestäuschung. Er fuhr ganz normale 50 km/h, eine Geschwindigkeit, die wir nicht mehr gewohnt waren. Auch die Geräusche der Stadt tun fast weh in den Ohren. Also wohl gefühlt hab ich mich nicht. Kann mir vorstellen, wie es z.B. für einen Südseeinsulaner sein muss, der zum ersten Mal von seiner Insel runter in eine Grossstadt kommt. Beängstigend.

Wir finden ein sehr britisch anmutendes Restaurant und essen zu Mittag. So fantastisches Essen hatten wir schon lange nicht mehr. Es war eine wahre Schlemmerorgie. (Wir waren übrigens ein Jahr später noch mal in dem gleichen Restaurant, nicht gerade von einem Schiff kommend, die Qualität des Essens war abscheulich).

Nun ab in die Lebensmittelabteilung eines grossen Kaufhauses. So viel Jogurts hab ich noch nie auf einmal gekauft, leider war nur fettreduzierter zu finden obwohl ich eigentlich so einen richtig sahnigen haben wollte. Dann zum Obststand und Früchte in Massen gekauft. Wir konnten das alles kaum tragen. Und dann war irgendwie die Luft raus und wir hatten Sehnsucht nach unserem Zuhause, dem Schiff.

Ich hatte Post!!! Kaum zu glauben wie man sich über eine Postkarte freuen kann!

Christian war von der Klinik zurück. Doppelter Bandscheibenvorfall. Habe ihm beim Packen geholfen, er musste von Bord und sollte am nächsten Tag nach Hause fliegen. Bin ganz schön traurig, aber wir haben bis heute noch einen guten Kontakt zu ihm.

Joachim übernimmt seine Wache und sein Ersatz wird in Auckland zusteigen.

Am 28. kommen wir in Sydney an. Wir verbringen den ganzen Tag mit Sightseeing. Wir haben uns ein Hotelzimmer für die Nacht genommen und sitzen abends in einem Lokal im Hafen. Fantastische Stimmung.

Wieder an Bord geht es los zur letzten Etappe. Etepetetes sind nun auch nicht mehr an Bord. Wir beiden die einzigen Passagiere.

Joachim hat sich den Wetterbericht ausgedruckt und beschließt, ein Unwetter zu umfahren. Das wird wirklich nur bei sehr starken Orkanen gemacht, da es Zeit und damit Geld kostet, einen Umweg zu nehmen.

Wenn das, was wir da erlebten, ein Umfahren des Orkanes war, dann möchte ich nicht wissen, wie ein Durchfahren gewesen wäre. Das Schiff, das mittlerweile auch fast keine Container mehr geladen hat und daher sehr leicht ist, stampft und rollt ohne Unterlass. Meinem Mann hat es den Appetit total verschlagen, er ist leicht blässlich und verzieht sich auf Kammer. Mir macht das alles komischerweise nichts aus und ich futtere ein Schmitzel, wie der Koch überhaupt kochen konnte, bei dem Gewackel und auf und ab, ist mir ein Rätsel. Mir fällt auf, dass der Stewart fast schon grün im Gesicht ist und ich befürchtete, dass er jeden Moment zur Toilette rasen würde. Ich schickte ihn in seine Kabine und übernahm für den Rest des Abendessens einfach seinen Job.

In der Kabine setzte ich mich auf den Stuhl vor dem Schreibtisch und der nächste "Roller" beförderte mich durchs ganze Zimmer. Wolfgang hat mich gefilmt, wie ich durchs Zimmer lief, haben später das Video angeschaut. Ich sah aus, als wäre ich total betrunken und nicht mehr in der Lage auch nur einigermaßen ordentlich zu laufen.

Eigentlich war noch eine Abschiedsfeier in der bar geplant, aber wir waren alle so erschöpft und müde, es kostet den Körper eine ungeheure Kraft, bei so einem Seegang, das Gleichgewicht immer wieder "neu auszurechnen" und das macht einfach schlapp.

Haben uns deshalb einfach nur am letzten Abend in der Bar alle in den Armen gelegen, Adressen ausgetauscht, ein bisschen geheult und gebusselt und geherzt.

Und dann ging’s ans Packen. Ich schwankte gefühlsmäßig zwischen plötzlichem Heimweh und Spannung auf das, was uns nun alles erwartete. Wir hatten ja nichts gebucht und keinen richtigen Plan.


Auckland-Harbour
In Auckland angekommen wurden die Einreiseformalitäten noch an Bord erledigt, unser Gepäck an Land getragen und standen wir nun. Ein bisschen betreten. Wie von zu Hause rausgeflogen. Wir lassen das Gepäck beim Hafenmeister und nehmen uns ein Taxi in die Stadt. Es scheint aussichtslos, in der Innenstadt ein Hotelzimmer zu einem vernünftigen Preis zu bekommen und der Taxifahrer bringt uns zu einem kleinen Hotel am Rande der Stadt. Dorthin bestellen wir uns einen Leihwagen und fahren zurück zum Hafen. Das ganze Gepäck ins Auto und zusätzlich noch Günni und Lars, die auch in die Stadt wollten. Bitte nicht fragen, wie wir alle samt Koffer ins Auto gekommen sind, keine Ahnung. Als wir dann die Stadt zu Fuss erkundeten, lief uns gegen 17 Uhr Bodo entgegen. Wir luden ihn zum Abendessen am Meer ein und brachten ihn dann mit dem Auto zurück zum Schiff. Haben es uns nicht nehmen lassen, noch mal bei Günni vorbeizuschauen und ein letztes Bier getrunken. Unsere Kabine, das Zuhause der letzten sechs Wochen, war schon wieder neu belegt.

Jetzt hiess es endgültig Abschied nehmen. Nochmal alle fest gedrückt, besonders meine geliebten Philippinos, die alle an Deck standen und uns nochmal kräftig zugewunken haben, als wir das Hafengelände nun endlich verließen.


Endlich da!!


Neuseeland


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