Mit dem Containerschiff von Hamburg nach Auckland via Panamakanal
Oktober - Dezember 1997
Teil 1 Hamburg – New York
Zu dieser zweiten Reise muss ich vorab einiges erklären. Das wichtigste ist wohl, wäre die zweite Reise die erste gewesen, hätte es sicherlich keine zweite Reise gegeben. Und das liegt zum grossen Teil an der Besatzung. Wir fanden keinen "Draht" zum Kapitän und auch zu den Offizieren und Ingenieuren nicht. Und da die Philippinos sich nicht so frei und fröhlich wie auf der ersten Reise bewegen und geben durften, wie die bei der ersten Reise, waren auch sie eher verschlossen. Einzig zu einem jungen deutschen Matrosen, der sehr viel Ähnlichkeit mit meinem Sohn hatte, hatten wir sehr guten Kontakt und der philippinische Koch, Cookie, war mein bester Freund an Bord. Er bereitete mit jeden Tag um 1o Uhr mein Spezialfrühstück, d.h. alles worauf ich gerade Lust hatte, ob Eier gebnacken gebraten oder gekocht, mit oder ohne knackigem Speck, oder süsse Apfelomeletts. Dazu legte er mir klassische Musik auf. Ich liebte diese halbe Stunde ganz alleine für mich in der Messe.
Ein weiterer Grund war, dass wir von Osten nach Westen bzw. Norden nach Süden fuhren und somit die herrlichen Sonnenuntergänge hinten auf unseren "Deck-Balkonen" nicht geniessen konnten. Außerdem wurden sehr viel mehr Häfen angefahren und wir vermissten die drei Wochen absolute Ruhe, die wir auf dem Indischen Ozean erleben durften.
Zu den Passagieren: als wir in Hamburg einstiegen war nur Mary (wieder eine Mary, aber was für ein Unterschied!!!) an Bord. Eine ehemalige britische Offizierin, die auch sehr militärisch daher kam, ca. 75 Jahre alt, auf der ganzen Reise das "Groupie" des Captains. Sie war in Tilbury an Bord gegangen und fuhr einmal um die Welt. In Dünkirchen stieg ein amerikanisches Ehepaar zu, was von New York aus schon den Trip um die Welt fast hinter sich hatte, in England ausgestiegen war, um einen kurzen Roundtrip zu machen. Sie veliessen uns in New York. In Le Havre stiegen zwei älterer Franzosen zu. Der eine samt Hab und Gut inkl. seines Autos, alles in einem Container. Er war nach dem Krieg als Lehrer in Papete (Tahiti) gewesen und wollte dort seinen Lebensabend verbringen. In seiner Kammer hatte er eine riesige Holztruhe mit seinen Tagebüchern. Er hatte dort jeden Tag seit ca. 50 Jahren einen Eintrag gemacht. Der andere reiste um die Welt. Da beide nur französisch sprachen und sonst keiner auf dem Schiff, waren sie auf der Reise nahezu unzertrennlich und nur ab und zu und bei den Mahlzeiten mit den anderen Passagieren zusammen. In New York wurde noch ein ca. 90jähriger schwerhöriger, sehr tatteriger Greis von seinem Sohn an Bord gebracht. Wie er das für die Fahrt benötigte ärztliche Attest bekommen hatte, ist mir bis heute schleierhaft. Wir spöttelten ein bisschen: Sicherlich haben die Kids ihn auf dem Schiff ausgesetzt in der Hoffnung, er würde die 12-wöchige Reise um die Welt nicht überleben und zu Hause war er aus den Füssen.
In Hamburg stiegen auch einige Ehefrauen von Offizieren und/oder Ingenieuren ein und die Tochter des Kapitäns. Sie alle verliessen das Schiff in Le Havre wieder und wir bekamen sie kaum zu Gesicht.
Nun von Anfang an.
Am 26. Oktober 1997 gingen wir an Bord. Stolz wie Oskar, weil wir dieses mal für einen nicht allzu hohen Aufpreis die Eignerkabine gebucht hatten. Ein schönes, komfortables Wohnzimmer und eine Schlafkammer mit einem breiten bequemen Bett. "Nasszelle" wie gehabt. Der erste Schock: das Schiff war KNALLROT, überall, jedes einzelne Schräubchen. Natürlich nur aussen!!! Sehr gewöhnungsbedürftig!!! Man hat uns allerdings aufgeklärt, warum das so war. Da in gewissen asiatischen Gebieten noch kräftig pirateriet wird und des öfteren ganze Schiffe verschwinden, hatte die Besitzerin der Reederei die Idee, Schiffe in knalligen Farben zu streichen. So gibt es ausser dem knallroten, noch ein kanariegelbes und ein grell pinkes. So kann man sie nicht schnell mit einem neuen Anstrich tarnen.
Um Mitternacht liefen wir aus und da es draussen sehr kalt und stürmisch war, blieben wir auf unserer gemütlichen Kammer. Auf der ersten Reise hatten wir die Einfahrt in den Rotterdamer Hafen nicht mitbekommen. Diesmal fand das ganze bei Tag statt und war spektakulär.
Auf der Fahrt nach Dünkirchen bereiteten die Tochter des Kapitäns und ich Pizza für alle. Sie wollte, dass Papa noch mal was ordentliches zu essen bekam, bevor sie das Schiff verlies. Recht hatte sie!!! Wenn auf der ersten Reise das Essen schon nicht besonders war, auf dieser Reise war es nahezu ungeniessbar. Es sei denn man mag deutsches Essen philippinisch gekocht. Cookie hatte die einmalige Gabe alles, aber auch alles zu einem faden Eintopf zu machen.
Die nächtliche Einfahrt in den Hafen von Dünkirchen war etwas ganz besonderes. Der Lotse wurde mit einem Hubschrauber gebracht und an einer Leine zwischen den Containern abgesetzt.
Eine wahre Meisterleistung des Piloten und des Kapitäns. Alles so genau zu koordinieren, dass der hilflos an der Leine baumelnde Lotse nicht vom Wind gegen die Container geschleudert wurde. Wir hielten alle den Atem an.
In Le Havre gingen wir an Land. Wir besorgten uns noch zwei Leselampen und einige Kleinigkeiten, die wir vergessen hatten und genossen die warme Sonne in einem Strassencafe am Wasser.
Am 30. Oktober abends um 23 Uhr starteten wir dann Richtung New York. Wieder Erwarten würde mir übel. Warum hatte ich das Schaukeln damals so gut vertragen und diesmal nicht? Ich kaute brav meine Kaugummis und hoffte, genügend dabei zu haben. (Hat sich alles nach ein paar Tagen gegeben, von da an haben mir auch die scheren Stürme vor der Ostküste Amerikas nichts mehr ausgemacht). Die Fahrt durch den Ärmelkanal war traumhaft. Das Wetter war einmalig, warm genug, um mit dem T-Shirt draussen in der Sonne zu sitzen und die Luft war so klar, dass wir die Küste von England wie auch die von Frankreich sehen konnten. Es herrschte reger Verkehr auf dem Kanal, besonders interessant war es, die Hovercrafts zu beobachten.
Am 31. Nachmittags sassen einige von uns gemütlich bei der täglichen Teestunde in der Offiziersmesse, als wir Unruhe an Deck bemerkten. Laute Rufe und Rumgerenne, der 1. Offizier stürzte in die Messe und verlangte nach dem Kapitän und dann kamen beide rein, einen jungen Mann in der Mitte. Unser Blinder Passagier. Ein Philippino hatte in zwischen den Containern entdeckt. Muss wohl in Le Havre irgendwie an Bord gekommen sein.
Es wurde beratschlagt, was mit ihm zu tun sei. Er verstand angeblich weder deutsche noch englisch noch französich noch sonst eine lebende Sprache, dann plötzlich gab er auf englisch zum besten er sei nicht alleine an Bord gekommen, die anderen hielten sich noch versteckt. Dann, nachdem er etwas härter angefasst wurde, widerrief er das auf deutsch und beteuerte ein ganz liebes Bürschchen zu sein, und nur zu seiner Familie nach New York zu wollen. Der 1. Ingenieur erklärte uns, dass das mit einem Blinden Passagier gar nicht so einfach ist. Hatte man ihn mal an Bord, war es schwierig ihn wieder los zu werden, kein Staat der Welt ist verpflichet ihn aufzunehmen. Also war es gar nicht sicher, ob die Amerikaner ihn uns abnehmen würden.
Der Kapitän entscheid, er solle erst mal an Bord arbeiten. Doch dagegen hatte nicht nur mein Mann etwas. Niemand kannte ihn und niemand wusste, was er wirklich vor hatte. Muss sagen, ich hätte mich auch nicht mehr wohl gefühlt an Bord, wäre er frei herum gelaufen. Er wurde also im Zollraum eingeschlossen. Nun ist es so, dass die Philippinos einen grossen Hass auf Blinde Passagiere haben. Oft genug hatten sie schon grosse Schwierigkeiten mit ihnen. Sie machten sich also einen Spass daraus, aussen vor seinem Fenster aufzutauchen und ihm mit der typischen Handbewegung klar zu machen, das sie ihm am liebsten die Kehle durchschneiden würden.
Er schrie sich die Seele aus dem Leib, worauf seine Fenster dicht gemacht wurden. Da sass er nun im Dunkeln (der Strom war ihm auch abgestellt worden), bekam sein Essen unter Bewachung durch die Tür geschoben und die Mutter in mir bekam Mitleid mit ihm. Typisch. Aber ich war wohl die einzige. Man kümmerte sich auch nicht weiter darum, dass er zudem noch seekrank wurde und ganz jämmerliche Hilfeschreie aus seiner Kammer kamen. Da zu befürchten war, dass wirklich noch andere "Blinde" an Bord waren, mussten die Kabinentüren immer verschlossen bleiben, die Küche sowieso und keiner durfte alleine übers Schiff laufen.
Vor New York kamen wir in den ersten grossen Sturm und die Lotsen hatten grosse Schwierigkeiten an Bord zu kommen. Das hatte ich auch noch nicht gesehen, die New Yorker Lotsen trugen Anzug und Krawatte!!! Einer erzählte uns, dass es schon mal vorkomme, dass es vor New York so stürmisch sei, dass sie einfach bis zum nächsten Hafen an Bord bleiben müssten. Das konnte auch u.U. Le Havre sein.
Morgens gegen 5 Uhr dann die Einfahrt nach New York. Diesen Anblick kann ich nicht beschreiben. Ich kam aus dem Staunen nicht mehr raus. Sicherlich stand mein Mund die ganze Zeit offen. Wusste gar nicht wohin ich mit meinem Fernglas zuerst hingucken sollte.
Bevor wir ankerten wurde unser ungebetener gast an einen Tisch gekettet. Seine Kammer musste gesäubert werden, da sie für die Zollbeamten gebraucht wurde. Die Einwanderungsbehörde in New York war informiert worden und hatte sich zum Glück bereit erklärt, den jungen Mann von Bord zu holen und aufzunehmen. Ca. 10 schwerbewaffnete Polizeibeamte kamen an Bord. Er wurde von zweien und einem Dolmetscher erst verhört, dann von Bord gebracht. Ich beobachtete, dass sie ihn sehr freundlich behandelten und war beruhigt. Die anderen acht suchten das ganze Schiff nach eventuellen Komplizen von ihm ab. Nichts. Das Schiff war "sauber", alle Container ordnungsgemäß verplombt, alle Ecken und mögliche Verstecke leer. Das amerikanische Ehepaar hatte drei Philippinos mit dem Entladen ihres Gepäcks beschäftigt. Viele viele Kisten und Schachteln voll Souvenirs und zusätzlich das Gepäck für 12 Wochen Seereise.